KEIMZEIT | 2019

Eine Ausstellung des Hohenloher Kunstvereins im Hofratshaus, Langenburg.

Vielen Dank Claudia Scheller-Schach für die schöne Einführung, Thomas Cleve für die Fotos und Sabine Naumann-Cleve für die gelungene Zusammenarbeit!

KEIMZEIT | 2019

Aus der Eröffnung der Ausstellung KEIMZEIT  | 2019
der Künsterinnen Sabine Naumann-Cleve und Barbara Schmitz-Becker im
Hohenloher Kunstverein – Hofratshaus Langenburg
Text Claudia Scheller-Schach | Künzelsau

Über die Arbeiten von Barbara Schmitz-Becker

... Die Verknüpfung von Naturwissenschaft und Kunst liegt auch dem künstlerischen Konzept von Barbara Schmitz-Becker zugrunde. Sie führt mit plastisch-räumlichen Installationen und mit grafischen Arbeiten die zwei sehr unterschiedlichen Disziplinen zusammen.

 „Hyphen“
Zum Beispiel die Arbeit hier: aus feinem Draht und knopfartigen Verdickungen hat sie wolkenähnliche Gebilde geformt.  Den Impuls für dieses filigrane Geflecht bekam die Künstlerin über die Beschäftigung mit dem größten lebenden Organismus, den es gibt, einem Fadenpilz, der unterirdisch wuchert. Der genaue Blick auf Moose, Flechten und Pilze, auf die Verästelungen und Sporen und Pollen liefert  ästhetisch faszinierende Strukturen, die sie gewissermaßen nachbildet – jedoch begnügt sie sich nicht mit dem rein optischen Eindruck. Sie recherchiert Fakten und studiert wissenschaftliche Literatur; neue Erkenntnissen um biologische Vorgänge und ihre eigener konzentrierte Blick, ihre Achtsamkeit auf natürliche Prozessen sind der Humus für ihre Kunst.

[Häkeldraht „Cumulus“ + Monotypien „Herbarium“ + „Insekten-Flügel“]
Dabei verknüpft (!) sie im wahrsten Sinne des Wortes das „Was“ mit dem „Wie“ ganz stimmig: auch die raumgreifende Installation im nächsten Raum beruht auf Beobachtungen von Naturphänomenen. Feinste Drahtfäden werden zu Luft(!)maschen verhäkelt und zu Cumulus-Wolken verdichtet – diese Drahtzeichnungen können sich auch wieder auflösen beziehungsweise in anderen Formationen gedacht werden – hier lässt die Künstlerin das Werden und Vergehen, Prozesse und Veränderungen sichtbar werden.

Diesen hoch ästhetischen Objekten und Raumgestaltungen liegt eine enorme Akribie und große Konzentration zugrunde. Es entspricht dem künstlerischen Konzept von Barbara Schmitz-Becker, dass sie mit ihrem Einsatz von Zeit und Energie die Komplexität der Natur „würdigt“ – das ist ihr Tribut an das Wunder der Schöpfung. Auch ihr „Herbarium“ zeugt davon:  eine stetig anwachsende Sammlung von Monotypien, bei denen sie Pflanzenfunde in einem komplizierten Druckverfahren „konserviert“. Jedes der Bilder von Würzelchen, Farnen, Blättchen und Gräser fasziniert, als Gruppe gehängt wird ein gewisser enzyklopädischer Charakter deutlich – und damit wieder die Nähe zum naturwissenschaftlichen Arbeiten: Sammeln, Archivieren, Vergleichen, Klassifizieren…

„Rhizome“
Im Raum vis a vis vom Eingang finden Sie, liebe Besucher, ein weiteres faszinierendes Beispiel für die schöpferischen und innovativen Fähigkeiten der Künstlerin:  Hier hängen an wuchernden Astgebilden leichte, transparente, zugleich fragile und stabile Kokons. Die Künstlerin hat diese Hohlkörper mit einem speziellen Stift frei Hand „in den Raum“ gezeichnet. Das Geäst bietet ihnen Halt, ebenso wie den filigranen Samen-Flügelchen. Wir dürfen uns zwischen diesem Luft-Wurzelwerk bewegen – ausdrücklich versteht die Künstlerin ihre Rauminstallationen als „Landschaften“. Sie können uns vielleicht dafür sensibilisieren, dass wir dem drohenden Verlust von Lebensräumen auch etwas entgegensetzen können.

Ein solcher Ansatz in der Kunst stimmt optimistisch, denn er schlägt nicht nur in die Kerbe: „der Mensch macht alles kaputt“, sondern er lässt hoffen: „der Mensch hat auch das kreative Potenzial, wieder etwas gut zu machen!!

Erlauben Sie mir noch ein paar Sätze, um die Motivation von Barbara Schmitz-Becker, besser verstehen zu können:  

Um ihrem kreativen Schaffen einen Rahmen zu geben initiierte sie vor einigen Jahren das „Eden Zwo Labor“. Dieses Labor ist ein Gedankenraum und eine Forschungsstation, in der sie sich mit Phänomenen in der Natur beschäftigt und daraus schöpferische Impulse empfängt..Der Begriff „Eden“ spielt natürlich an auf einen heilen Ort – eben das Paradies, dieser Sehnsuchtsort mit unschuldigen Menschen und unversehrter Natur. Auslöser für das „Eden Zwo Labor“ ist eine Projekt auf der Insel Spitzbergen (gehört zu Norwegen). Dort gibt es seit 2008 eine riesige unterirdische Anlage, in der in großen Hallen Millionen und Millionen von Samenproben aufbewahrt werden; also eine Art Sicherungskopie, um die Pflanzenvielfalt zu archivieren. Diese Vielfalt ist ja bekanntermaßen durch Umwelteinflüsse und durch ökonomische Interessen sehr gefährdet. Es gibt weltweit über 1000 solcher Aufbewahrungsanstalten für Saatgut; die auf Spitzbergen, die „Svalbard Global Seed Vault“ ist aber nicht im Bereich Forschung tätig – und daraus leitet Barbara Schmitz-Becker ihren Auftrag als Künstlerin ab!  Also: Eden One, das erste Paradies gibt es nicht mehr, ein „Eden Two/Zwei“ würde die Kopie bezeichnen – was Utopie bleiben muss und „Eden Zwo“ ist das Künstler-Labor – in dem eben alternativ zur Biologie und anderen Disziplinen geforscht und gestaltet wird …. in der Hoffnung, dass Daten und Informationen für eine zukünftige Lebensform erhalten bleiben.

Es ist eine Bereicherung, dass wir hier in Langenburg Einblick bekommen in das Labor!     

… um zum Schluss zu kommen:

Zu Recht fragte der Autor Hanno Rauterberg kürzlich in der „Zeit“ (1.08.2019) „Kann eine Kunst, die das Gute und Richtige propagiert, mehr sein als ästhetischer Ablasshandel?“ – als Beispiel führt er einen Künstler an  - Olafur Eliasson - der Superstar der Klimakunst, der Tonnen von Grönlandeis nach London verschiffen ließ, das dort vor der Tate Gallery vor sich hin taute, um auf die Erderwärmung hinzuweisen. Der Autor bezichtigte ihn und das ständig per Flugzeug reisende Publikum der Doppelmoral und sprach von einer „Kunst der Scheinheiligkeit“. Als Alternative schlug er dann auch statt immer neuer klimaschädlicher Großprojekte einen „neuen Regionalismus für die Kultur“ vor….käme er doch nach Langenburg! Hier träfe er auf das Werk zweier Künstlerinnen, die es schaffen, „künstlerische Forschung“ zu betreiben und angemessene Darstellungsformen zu entwickeln. Damit leisten sie einen Beitrag zur Annäherung der Disziplinen: Naturwissenschaft und Kunst können im Austausch voneinander profitieren. Über den interdisziplinären Ansatz vervielfältigen sich die Erkenntnisgewinne. Beispiele dafür gibt es in der Geschichte immer wieder: denken Sie an Leonardo da Vinci, an Alexander von Humboldt, an Maria Sibylla Merian.

Wir befinden uns in einer KEIMZEIT dafür -  Danke, Sabine und Barbara, dass ihr eure Saat gelegt habt.