Der konzentrierte Blick

Eden – das Paradies – es existiert nicht mehr. Vielleicht hat es nie existiert. Vielleicht war und ist es lediglich die paradiesische Vorstellung eines positiven Grundzustandes der Unschuld und Unversehrtheit der Natur und der Menschen, die es lebendig erhält.
Auf der zu Norwegen gehörenden Insel Spitzbergen im Arktischen Ozean wird unsere gesamte Pflanzenwelt aufbewahrt. Eine Sicherungskopie. 120 Meter tief unter der Erde liegen in drei großen Hallen über 4,5 Millionen Samenproben aus der ganzen Welt – eine von weltweit 140 Aufbewahrungsanlagen für Saatgut. „Svalbard Global Seed Vault“ heißt das Projekt des Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt. Das einzige Projekt ohne Forschungsauftrag.
Den aber hat sich die Künstlerin Barbara Schmitz-Becker auf ihre Weise zu Eigen gemacht. Der Natur seit Jahrzehnten leidenschaftlich und aufmerksam zugewandt, erweitert sie ihr Interesse um die Konzentration auf wissenschaftliche Prozesse und Details. Sie recherchiert und sammelt naturwissenschaftliche Fakten. Mit ihrem 2009 ins Leben gerufenen „Eden Zwo Labor“ forscht Schmitz-Becker auf alternative, nämlich künstlerische, Weise zu Saaten, Samen, Sporen, Pflanzen und Kleinstlebewesen. Das „Eden Zwo Labor“ verleiht ihren Naturexperimenten den äußeren Rahmen.

Barbara Schmitz-Becker beschäftigt sich konsequent mit den vielfältigen Phänomenen der Natur, sie beobachtet mit konzentriertem Blick natürliche Prozesse, untersucht Pflanzen und Kleinstlebewesen. Die Ergebnisse dieses Schauens verarbeitet sie künstlerisch und tut dies auf verblüffende, innovative Weise und mit außergewöhnlichen Materialien.
Überdies wählt sie ihre Präsentationsform so,  dass der Betrachter zu einem lebendigen Teil der künstlich geschaffenen Naturphänomene wird, von ihnen umgeben und zu einem Teil von ihnen wird. Der Betrachter wird zum teilnehmenden Beobachter und taucht förmlich in die Installationen ein.

Da ist beispielsweise die Installation „Pilzsporen“, die sich mit den vielfältigen Fähigkeiten der großflächig, unterirdisch wachsenden Hyphen, den fadenförmigen Zellen, beschäftigt.1500 Drahtknoten mit feinsten weißen  keramischen Spitzen hängen von der Decke und bewegen sich in den Raum. Die Fäden bilden ein verschlungenes Geflecht, durch das der Betrachter sich schlängelnd hindurch bewegt. Eine an sich kleine Struktur wird zu einem großen schwarmartigen Gebilde entwickelt. Ein wesentlicher Aspekt ist die Schattenwirkung, die das Geflecht auf den Wänden erzeugt. Das Drahtgeflecht, das auch wie eine dreidimensionale Zeichnung im Raum zu beschreiben ist, verwandelt sich im Schatten an der Wand zurück zu einer zweidimensionalen Zeichnung.

Auch das „Schattengewächs“ erfährt durch die Schattenbildung eine gesteigerte Wirkung: die aus papierumwickelten Draht geformten  und mit Textilfaser umsponnenen Elemente sind aufgefädelt und schweben in der Luft. Vervielfachen sich an der Wand, sind stets in Bewegungen – Statik existiert in diesem Universum nicht.
Oder „Cumulus“: Barbara Schmitz-Becker verhäkelt feinsten Draht zu wolkenartigen Gebilden. Rotierend wachsen sie miteinander und ineinander verwoben in den Raum hinein, verdichten sich, lösen sich auf beginnen dieses Spiel von neuem. Sind leicht und bilden dabei überraschend großes, wenn auch masseloses Volumen.
Von der Pusteblume ausgehend, entwickelt sie eine Gruppe von aus Draht gefertigten „Samenflug“ – in der Bewegung der von der Decke herabhängenden Objekte erinnern sie zugleich an Spinnen oder Quallen.  

Immer begeben sich die Arbeiten von Barbara Schmitz-Becker in eine schwingende, schwebende Bewegung von größter und behutsamster Leichtigkeit.

Eden – das Paradies – es existiert nicht mehr. Aber im „Eden Zwo Labor“ von Barbara Schmitz-Becker entdeckt der Betrachter sich erinnernd Spuren einer längst vergangenen und vielleicht nur imaginierten Unversehrtheit der Natur und der Menschen.

©Sigrid Blomen-Radermacher