Interview mit dem Kunstkritiker und Kurator Stefan Skowron anlässlich der Ausstellung in der Galerie Schürmann (2021) finden Sie hier auf vimeo

Dr. Martin Feltes | Aus der Eröffnung des EDEN ZWO LABORS in der
KUNSTHALLE CLOPPENBURG | 2020

Zu einer Gerichtsverhandlung möchte ich Sie zum Auftakt dieser Kunstausstellung einladen. Denn die Verhandlung ist öffentlich.
Die Anklage liegt vor und lautet auf „Raubbau an der Natur in Tateinheit mit Nötigung und Gewaltanwendung.“
Beklagter ist der Mensch, der Hauptankläger ist ebenfalls der Mensch, unterstützt von zahlreichen Nebenklägern.Die Verteidigung des Angeklagten plädiert im Vorfeld für Freispruch.
Denn der Mensch habe ja nur einen biblischen Befehl ausgeführt: „Macht Euch die Erde untertan!“
Und auch die Naturwissenschaften sehen in der absoluten Naturbeherrschung eine grundlegende Voraussetzung unserer heutigen Lebensqualität.
So habe der Wissenschaftler Francis Bacon schon Anfang des 17. Jahrhunderts formuliert.
„Man muss die Natur foltern, wie eine Frau!“
Vor dem Hintergrund der gleichzeitig stattgefundenen Hexenprozesse muss dieser Satz verstanden werden. Man muss alles aus der Natur herauspressen. Nur so ist die Natur beherrschbar, kontrollierbar und berechenbar.
Dagegen argumentieren die Kläger. Bei allen so wichtigen Erfolgen der Wissenschaften für die Menschheit sei in den letzten Jahrhunderten der Respekt vor der Natur auf der Strecke geblieben, wodurch die menschliche Lebensqualität zerstört wird. Und der biblische Auftrag sei kein Freibrief für die hemmungslose Ausbeutung und Zerstörung der Natur, sondern im Gegenteil ein Aufruf Verantwortung für die Schöpfung übernehmen und Fürsorge zu tragen.

Langfristig wird es kein menschliches Leben mehr geben, wenn wir weiterhin jeden Tag 150 Tier- und Pflanzenarten ausrotten, 86 Millionen Tonnen fruchtbare Boden verlieren, 150 Millionen Tonnen Treibhausgase ausstoßen.

In den Zeugenstand wir Papst Franziskus gerufen, der aus seiner Enzyklika „Laudate si“ zitiert und das biblische Bild vom Garten Eden beschwört. Als uraltes Sinnbild der Versöhnung des Menschen mit der Natur gilt der Garten Eden, als Ort der Ordnung, der Fruchtbarkeit und des Lebens.Der Garten Eden ist ein menschliches Sehnsuchtsmotiv.

Und was ist nun das EDEN ZWO LABOR?

Das Eden Zwo Labor wurde im Jahr 2012 von der Künstlerin Barbara Schmitz-Becker gegründet und ist seitdem Leitthema ihrer künstlerischen Auseinandersetzung.
Und Eden Zwo Labor ist auch der Titel dieser Ausstellung, zu der ich Sie herzlich begrüße.
Ein besonders herzliches Willkommen, gilt natürlich Barbara Schmitz-Becker, die eine Woche hier in der Kunsthalle gearbeitet und diesen Raum in eine Forschungsstation verwandelt und gleichzeitig künstlerisch aufgeladen hat.
Dafür möchte ich schon jetzt unseren Dank und unsere Hochachtung aussprechen.
Barbara Schmitz-Becker wurde 1968 in Osnabrück geboren. Nach einer Lehre zur Keramikerin studierte sie Philosophie in Berlin und anschließend Design mit dem Schwerpunkt Keramik an der Hochschule Niederrhein in Krefeld.
Parallel war sie seit 1997 künstlerisch tätig, was dann ihre Berufung und Leidenschaft werden sollte. Sie lebt und arbeitet heute in Nettetal am Niederrhein.

Als sich Barbara Schmitz-Becker vor ungefähr einem Jahr für eine Ausstellung hier in Cloppenburg bewarb, waren wir uns im Vorstand des Kunstkreises schnell einig:

Diese Künstlerin werden wir einladen. Denn die eingereichten Fotografien ihrer Arbeiten veranlassten uns zum Staunen.

Wie staunten über die Fähigkeit von Barbara Schmitz-Becker, auf die architektonischen Gegebenheiten des Ausstellungsraumes mit ihrer Kunst zu reagieren, wir staunten über ihre Kunstwerke, die uns in ihrer Zartheit, Zerbrechlichkeit, Lebendigkeit und in ihrer Sinnlichkeit faszinierten.

Eine dann einsetzende intensivere Beschäftigung mit der Kunst von Barbara Schmitz-Becker zeigte uns dann den Hintergrund ihrer künstlerischen Position, die auch mit dem Begriff des Staunens verdichtet werden kann. Barbara staunt über naturwissenschaftliche Phänomene, über die Mannigfaltigkeit der Natur, wobei neue wissenschaftliche Erkenntnisse häufig Inspirationsquellen ihrer Arbeiten sind.

So arbeitet sie an der Schnittstelle zwischen Kunst und Naturwissenschaft, jedoch nicht wie die Wissenschaften in einer beweisenden, sondern in einer weisenden Sprache.

Barbara Schmitz-Becker setzt sich mit der Mannigfaltigkeit der Natur auseinander, die es zu schützen und zu bewahren gilt. Jedoch nicht provozierend, anklagend und schon gar nicht moralisierend ist ihre Kunst, sondern sie schafft mit EDEN ZWO LABOR ein Gesamtkunstwerk, das uns in seiner ästhetischen Kraft berührt und verzaubert.

Und wir alle werden zum lebendigen Teil eines Forschungslabors, in das sich unsere Kunsthalle in den letzten Tagen verwandelt hat, ein Forschungslabor, das uns Staunen lässt.

...

 

Aus der Eröffnung der Ausstellung KEIMZEIT  | 2019
der Künsterinnen Sabine Naumann-Cleve und Barbara Schmitz-Becker im
Hohenloher Kunstverein – Hofratshaus Langenburg
Text Claudia Scheller-Schach | Künzelsau

Über die Arbeiten von Barbara Schmitz-Becker

... Die Verknüpfung von Naturwissenschaft und Kunst liegt auch dem künstlerischen Konzept von Barbara Schmitz-Becker zugrunde. Sie führt mit plastisch-räumlichen Installationen und mit grafischen Arbeiten die zwei sehr unterschiedlichen Disziplinen zusammen.

 „Hyphen“
Zum Beispiel die Arbeit hier: aus feinem Draht und knopfartigen Verdickungen hat sie wolkenähnliche Gebilde geformt.  Den Impuls für dieses filigrane Geflecht bekam die Künstlerin über die Beschäftigung mit dem größten lebenden Organismus, den es gibt, einem Fadenpilz, der unterirdisch wuchert. Der genaue Blick auf Moose, Flechten und Pilze, auf die Verästelungen und Sporen und Pollen liefert  ästhetisch faszinierende Strukturen, die sie gewissermaßen nachbildet – jedoch begnügt sie sich nicht mit dem rein optischen Eindruck. Sie recherchiert Fakten und studiert wissenschaftliche Literatur; neue Erkenntnissen um biologische Vorgänge und ihre eigener konzentrierte Blick, ihre Achtsamkeit auf natürliche Prozessen sind der Humus für ihre Kunst.

[Häkeldraht „Cumulus“ + Monotypien „Herbarium“ + „Insekten-Flügel“]
Dabei verknüpft (!) sie im wahrsten Sinne des Wortes das „Was“ mit dem „Wie“ ganz stimmig: auch die raumgreifende Installation im nächsten Raum beruht auf Beobachtungen von Naturphänomenen. Feinste Drahtfäden werden zu Luft(!)maschen verhäkelt und zu Cumulus-Wolken verdichtet – diese Drahtzeichnungen können sich auch wieder auflösen beziehungsweise in anderen Formationen gedacht werden – hier lässt die Künstlerin das Werden und Vergehen, Prozesse und Veränderungen sichtbar werden.

Diesen hoch ästhetischen Objekten und Raumgestaltungen liegt eine enorme Akribie und große Konzentration zugrunde. Es entspricht dem künstlerischen Konzept von Barbara Schmitz-Becker, dass sie mit ihrem Einsatz von Zeit und Energie die Komplexität der Natur „würdigt“ – das ist ihr Tribut an das Wunder der Schöpfung. Auch ihr „Herbarium“ zeugt davon:  eine stetig anwachsende Sammlung von Monotypien, bei denen sie Pflanzenfunde in einem komplizierten Druckverfahren „konserviert“. Jedes der Bilder von Würzelchen, Farnen, Blättchen und Gräser fasziniert, als Gruppe gehängt wird ein gewisser enzyklopädischer Charakter deutlich – und damit wieder die Nähe zum naturwissenschaftlichen Arbeiten: Sammeln, Archivieren, Vergleichen, Klassifizieren…

„Rhizome“
Im Raum vis a vis vom Eingang finden Sie, liebe Besucher, ein weiteres faszinierendes Beispiel für die schöpferischen und innovativen Fähigkeiten der Künstlerin:  Hier hängen an wuchernden Astgebilden leichte, transparente, zugleich fragile und stabile Kokons. Die Künstlerin hat diese Hohlkörper mit einem speziellen Stift frei Hand „in den Raum“ gezeichnet. Das Geäst bietet ihnen Halt, ebenso wie den filigranen Samen-Flügelchen. Wir dürfen uns zwischen diesem Luft-Wurzelwerk bewegen – ausdrücklich versteht die Künstlerin ihre Rauminstallationen als „Landschaften“. Sie können uns vielleicht dafür sensibilisieren, dass wir dem drohenden Verlust von Lebensräumen auch etwas entgegensetzen können.

Ein solcher Ansatz in der Kunst stimmt optimistisch, denn er schlägt nicht nur in die Kerbe: „der Mensch macht alles kaputt“, sondern er lässt hoffen: „der Mensch hat auch das kreative Potenzial, wieder etwas gut zu machen!!

Erlauben Sie mir noch ein paar Sätze, um die Motivation von Barbara Schmitz-Becker, besser verstehen zu können:  

Um ihrem kreativen Schaffen einen Rahmen zu geben initiierte sie vor einigen Jahren das „Eden Zwo Labor“. Dieses Labor ist ein Gedankenraum und eine Forschungsstation, in der sie sich mit Phänomenen in der Natur beschäftigt und daraus schöpferische Impulse empfängt..Der Begriff „Eden“ spielt natürlich an auf einen heilen Ort – eben das Paradies, dieser Sehnsuchtsort mit unschuldigen Menschen und unversehrter Natur. Auslöser für das „Eden Zwo Labor“ ist eine Projekt auf der Insel Spitzbergen (gehört zu Norwegen). Dort gibt es seit 2008 eine riesige unterirdische Anlage, in der in großen Hallen Millionen und Millionen von Samenproben aufbewahrt werden; also eine Art Sicherungskopie, um die Pflanzenvielfalt zu archivieren. Diese Vielfalt ist ja bekanntermaßen durch Umwelteinflüsse und durch ökonomische Interessen sehr gefährdet. Es gibt weltweit über 1000 solcher Aufbewahrungsanstalten für Saatgut; die auf Spitzbergen, die „Svalbard Global Seed Vault“ ist aber nicht im Bereich Forschung tätig – und daraus leitet Barbara Schmitz-Becker ihren Auftrag als Künstlerin ab!  Also: Eden One, das erste Paradies gibt es nicht mehr, ein „Eden Two/Zwei“ würde die Kopie bezeichnen – was Utopie bleiben muss und „Eden Zwo“ ist das Künstler-Labor – in dem eben alternativ zur Biologie und anderen Disziplinen geforscht und gestaltet wird …. in der Hoffnung, dass Daten und Informationen für eine zukünftige Lebensform erhalten bleiben.

Es ist eine Bereicherung, dass wir hier in Langenburg Einblick bekommen in das Labor!     

… um zum Schluss zu kommen:

Zu Recht fragte der Autor Hanno Rauterberg kürzlich in der „Zeit“ (1.08.2019) „Kann eine Kunst, die das Gute und Richtige propagiert, mehr sein als ästhetischer Ablasshandel?“ – als Beispiel führt er einen Künstler an  - Olafur Eliasson - der Superstar der Klimakunst, der Tonnen von Grönlandeis nach London verschiffen ließ, das dort vor der Tate Gallery vor sich hin taute, um auf die Erderwärmung hinzuweisen. Der Autor bezichtigte ihn und das ständig per Flugzeug reisende Publikum der Doppelmoral und sprach von einer „Kunst der Scheinheiligkeit“. Als Alternative schlug er dann auch statt immer neuer klimaschädlicher Großprojekte einen „neuen Regionalismus für die Kultur“ vor….käme er doch nach Langenburg! Hier träfe er auf das Werk zweier Künstlerinnen, die es schaffen, „künstlerische Forschung“ zu betreiben und angemessene Darstellungsformen zu entwickeln. Damit leisten sie einen Beitrag zur Annäherung der Disziplinen: Naturwissenschaft und Kunst können im Austausch voneinander profitieren. Über den interdisziplinären Ansatz vervielfältigen sich die Erkenntnisgewinne. Beispiele dafür gibt es in der Geschichte immer wieder: denken Sie an Leonardo da Vinci, an Alexander von Humboldt, an Maria Sibylla Merian.

Wir befinden uns in einer KEIMZEIT dafür -  Danke, Sabine und Barbara, dass ihr eure Saat gelegt habt.

 

 

Der konzentrierte Blick | Sigrid Blomen-Radermacher 2018

Eden – das Paradies – es existiert nicht mehr. Vielleicht hat es nie existiert. Vielleicht war und ist es lediglich die paradiesische Vorstellung eines positiven Grundzustandes der Unschuld und Unversehrtheit der Natur und der Menschen, die es lebendig erhält.
Auf der zu Norwegen gehörenden Insel Spitzbergen im Arktischen Ozean wird unsere gesamte Pflanzenwelt aufbewahrt. Eine Sicherungskopie. 120 Meter tief unter der Erde liegen in drei großen Hallen über 4,5 Millionen Samenproben aus der ganzen Welt – eine von weltweit 140 Aufbewahrungsanlagen für Saatgut. „Svalbard Global Seed Vault“ heißt das Projekt des Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt. Das einzige Projekt ohne Forschungsauftrag.
Den aber hat sich die Künstlerin Barbara Schmitz-Becker auf ihre Weise zu Eigen gemacht. Der Natur seit Jahrzehnten leidenschaftlich und aufmerksam zugewandt, erweitert sie ihr Interesse um die Konzentration auf wissenschaftliche Prozesse und Details. Sie recherchiert und sammelt naturwissenschaftliche Fakten. Mit ihrem 2012 ins Leben gerufenen „Eden Zwo Labor“ forscht Schmitz-Becker auf alternative, nämlich künstlerische, Weise zu Saaten, Samen, Sporen, Pflanzen und Kleinstlebewesen. Das „Eden Zwo Labor“ verleiht ihren Naturexperimenten den äußeren Rahmen.

Barbara Schmitz-Becker beschäftigt sich konsequent mit den vielfältigen Phänomenen der Natur, sie beobachtet mit konzentriertem Blick natürliche Prozesse, untersucht Pflanzen und Kleinstlebewesen. Die Ergebnisse dieses Schauens verarbeitet sie künstlerisch und tut dies auf verblüffende, innovative Weise und mit außergewöhnlichen Materialien.
Überdies wählt sie ihre Präsentationsform so,  dass der Betrachter zu einem lebendigen Teil der künstlich geschaffenen Naturphänomene wird, von ihnen umgeben und zu einem Teil von ihnen wird. Der Betrachter wird zum teilnehmenden Beobachter und taucht förmlich in die Installationen ein.

Da ist beispielsweise die Installation „Pilzsporen“, die sich mit den vielfältigen Fähigkeiten der großflächig, unterirdisch wachsenden Hyphen, den fadenförmigen Zellen, beschäftigt.1500 Drahtknoten mit feinsten weißen  keramischen Spitzen hängen von der Decke und bewegen sich in den Raum. Die Fäden bilden ein verschlungenes Geflecht, durch das der Betrachter sich schlängelnd hindurch bewegt. Eine an sich kleine Struktur wird zu einem großen schwarmartigen Gebilde entwickelt. Ein wesentlicher Aspekt ist die Schattenwirkung, die das Geflecht auf den Wänden erzeugt. Das Drahtgeflecht, das auch wie eine dreidimensionale Zeichnung im Raum zu beschreiben ist, verwandelt sich im Schatten an der Wand zurück zu einer zweidimensionalen Zeichnung.

Auch das „Schattengewächs“ erfährt durch die Schattenbildung eine gesteigerte Wirkung: die aus papierumwickelten Draht geformten  und mit Textilfaser umsponnenen Elemente sind aufgefädelt und schweben in der Luft. Vervielfachen sich an der Wand, sind stets in Bewegungen – Statik existiert in diesem Universum nicht.
Oder „Cumulus“: Barbara Schmitz-Becker verhäkelt feinsten Draht zu wolkenartigen Gebilden. Rotierend wachsen sie miteinander und ineinander verwoben in den Raum hinein, verdichten sich, lösen sich auf beginnen dieses Spiel von neuem. Sind leicht und bilden dabei überraschend großes, wenn auch masseloses Volumen.
Von der Pusteblume ausgehend, entwickelt sie eine Gruppe von aus Draht gefertigten „Samenflug“ – in der Bewegung der von der Decke herabhängenden Objekte erinnern sie zugleich an Spinnen oder Quallen.  

Immer begeben sich die Arbeiten von Barbara Schmitz-Becker in eine schwingende, schwebende Bewegung von größter und behutsamster Leichtigkeit.

Eden – das Paradies – es existiert nicht mehr. Aber im „Eden Zwo Labor“ von Barbara Schmitz-Becker entdeckt der Betrachter sich erinnernd Spuren einer längst vergangenen und vielleicht nur imaginierten Unversehrtheit der Natur und der Menschen.

©Sigrid Blomen-Radermacher